Der ethnographische Rundgang

Wer sich nicht damit zufrieden gibt, beim Vorbeifahren auf der Straße am gegenüberliegenden Hang einen kurzen Blick auf Corippo zu werfen, wird dazu angeregt, zu Fuß die kurze Strecke zurückzulegen,

die ihn in einer knappen Viertelstunde von der Bushaltestelle zum kleinen Dorfplatz führt*. Hier bietet eine Infotafel eine kurze Einleitung zur natürlichen Umgebung und zur Siedlung; sie erklärt auch die Umstände, die zur Gründung der Stiftung Corippo 1975 geführt haben, und beschreibt deren wichtigste Projekte. Hier ist außerdem der Startpunkt des ethnographischen Rundgangs, auf dem man zuerst die bedeutendsten Gebäude um den Platz bestaunt, um dann die charakteristischsten Elemente der Landschaft zu entdecken, die zum Teil ihr ursprüngliches Aussehen bewahrt haben, zum Teil kürzlich renoviert wurden, und andere, an denen man unverwechselbar die Unbill der Zeit feststellt.

* Da nur überaus wenige Parkplätze zur Verfügung stehen, wird wärmstens davon abgeraten, mit dem eigenen Auto hinzufahren.

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  1. Die Kirche

Die Kirche wurde 1614 Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel geweiht. Die heutige Struktur ergab sich aus verschiedenen aufeinander folgenden baulichen Eingriffen, darunter insbesondere die Erweiterung in den letzten Jahrzehnten des 18. Jh., als die Pfarrei die Unabhängigkeit von Vogorno erlangte. Im Innern befindet sich auf der linken Seite ein Fragment des Letzten Abendmahls, das bereits 1703 in einer Urkunde erwähnt wird. Ein großer Raum unterhalb des Chors diente zwischen 1770 und 1850 als Grabstätte.

Seit mehreren Jahren wird die kleine Kirche während der Weihnachtszeit mit einer eindrücklichen Krippe geschmückt, welche die gesamte dem Hl. Johannes dem Täufer geweihte Kapelle auf der rechten Seite des Gebäudes besetzt und zahlreiche Besucher anzieht.

  1. Die Schule

Folgt man links der Kirchenmauer, erreicht man die Sakristei, über der ein Raum geschaffen wurde, in dem sich die Schule befand. Gegen Mitte des 19. Jh., als Corippo mehr als 300 Einwohner zählte, beschloss man, das Gebäude zu erweitern, indem man es mit dem sich weiter oben befindenden Haus verband. Der unter dem neuen Bau geschaffene Bogengang ermöglichte es, den Hauptzugang zum ursprünglichen Dorfkern zu erhalten, der oberhalb der Kirche entstanden war.

  1. Der Kirchplatz

Bis Mitte des 19. Jh. diente der Raum vor der Kirche als Friedhof. Dieser und der oben erwähnte Brauch, die Toten in der Kirche zu bestatten, wurde 1831 von der kantonalen Behörde verboten. Da es schwierig war, einen geeigneten Ort für den Friedhof zu finden, setzte Corippo als eine der letzten Tessiner Gemeinden diese Regelung erst rund zwanzig Jahre später um.

  1. Die Straße

Schon seit dem Mittelalter verläuft der Hauptdurchgangsweg im Verzascatal am linken

Hang, sodass sich Corippo in eine abgeschiedene Lage befindet. Auch die Straße, die 1873 bis Sonogno gebaut wurde, sah ursprünglich keine direkte Verbindung zum Dorf vor; diese wurde erst 1884 dank des beharrlichen Drucks seitens der Gemeinde auf die kantonale Behörde verwirklicht. Als die Verbindungsstraße bis zum Herz des Dorfes gebaut wurde, verwandelte sich der ehemalige Kirchplatz vollkommen und auch die Grabsäule, die 1715 dort errichtet worden war, wurde in den Friedhof verlegt, wo sie heute noch steht.

  1. Der Platz

Außer den oben erwähnten Gebäuden befinden sich auf dem Platz auch das Pfarrhaus auf der ins Tal blickenden Seite und das Wirtshaus; letzteres dient als Hauptelement des Albergo diffuso. An den zwischen 1791 und 1794 errichteten Glockenturm geschmiegt befindet sich ein Gebäude, das im Laufe der Jahrhunderte sein Aussehen insbesondere durch den Anbau des Bogengangs und seine Funktion von Beinhaus über Rathaus und schließlich zu Bürgergemeindehaus mehrmals geändert hat.

  1. Die Brunnen

Den Platz hinter sich lassend stößt man in den Dorfkern vor, der sich durch die hohe Gebäudedichte auszeichnet. Nur wenige Schritte und man erblickt nach demjenigen auf dem Platz den zweiten aus Steinplatten zusammengefügten Brunnen; auf dem Rundgang wird man insgesamt vier Brunnen sehen, die 1879 errichtet wurden, was aus der Jahreszahl zu ersehen ist, die auf jedem Brunnen eingraviert ist. Nun lädt der Rundgang dazu ein, durch die engen Gassen zu schlendern, die sich zwischen den Häusern schlängeln, einmal auf Treppen, die den Hang hinaufund hinunterführen, einmal auf Pfaden, die den Hang durchqueren. Bald erreicht man den oberen Teil der Siedlung, wo man links abbiegt und nach kurzem einen weiteren Brunnen erblickt.

  1. Die Fresken

In rascher Folge kommt man an drei Fresken vorbei, welche die Figuren der Jungfrau und des Kindes darstellen. Das geschwärzte Angesicht der Muttergottes auf dem eingerahmten Bild ist nur eines der Zeichen, welche die Zeit an diesen Zeugen der tiefen Gottergebenheit der Vergangenheit hinterlassen hat; die meisten dieser Zeugnisse sind stark beschädigt, wenn nicht gar unerkenntlich.

Nun kehrt man ein Stück zurück, tritt aus dem Dorfkern und begibt sich in das Tal von Corippo.

  1. Die Wegkapellen

An den drei Hauptzugangswegen zum Dorf stehen drei Wegkapellen, die vor kurzem restauriert worden sind. Die Kapelle an der Einmündung des Pfades zu den Maiensäßen stammt aus dem Jahre 1764 und birgt das Bild der Jungfrau der unbefleckten Empfängnis, die eine Schlange zerdrückt.

8a. Das Oratorium der Novei

Um die Flur Novei zu erreichen, muss man den Hauptpfad verlassen und einen rund 15-minütigen steilen Anstieg unter die Füße nehmen. Auf dem Weg lohnt es sich, die Treppen aus eindrücklichen Steinplatten zu bewundern. Das kleine Oratorium, das gewöhnlich geschlossen ist, wurde Unserer Lieben Frau von den Gnaden geweiht. Während der Tage vor dem Patronatsfest, das gewöhnlich am dritten Sonntag im Juli gefeiert wird, pilgern die Leute zum Oratorium.

  1. Die Mühlen

Nun nähert man sich dem Bach Lavadosa, wo die am Boden aufgereihten Mühlsteine von der Anwesenheit zweier Mühlen zeugen, die früher vom gleichen Kanal Der unter dem neuen Bau geschaffene Bogengang ermöglichte es, den Hauptzugang zum ursprünglichen

Dorfkern zu erhalten, der oberhalb der Kirche entstanden war.

9a. Der See

An der Kreuzung bietet ein etwa dreissigminütiger Umweg einen weiten Blick auf den Stausee. Wenn der Wasserstand sehr tief ist, können noch die alte Straße durch das Verzascatal und die Resten einiger Gebäude der unteren Ortsteile von Vogorno ausgemacht werden, die 1965 beim Befüllen des Stausees überflutet wurden.

Der Rundgang führt zurück zum Hauptpfad.

  1. Das Territorium

Biegt man gleich nach der Kapelle bei der Abzweigung rechts ab, erreicht man schnell eine Landzunge, auf der sich das einzige ebene Gebiet von Corippo befindet.

Von hier weitet sich der Blick auf einen großen Teil des Gemeindegebietes aus und es sticht sein steiles Gefälle ins Auge. Neben den unzähligen Terrassierungen rund um den Hauptdorfkern erkennt man mehrere am Hang verstreute Gebäudegruppen; fast zuoberst auf dem Berg entdeckt man Corgello, den höchstgelegenen der rund fünfzig Weiler des Dorfes.

  1. Die Terrassierungen

Dank der Terrassierungen konnten auf den steilen Hängen, die sich sonst nicht für den Anbau eignen, Felder eingerichtet werden. Zu den wichtigsten Anbauprodukten gehören Hanf, der bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts angebaut wurde, und Getreide, das in den 1940er Jahren noch einen großen Teil der nutzbaren Fläche einnahm.

Die Wiederherrichtung einiger Terrassierungen ermöglichte kürzlich die Pflanzung von rund zehn Obstbäumen.

  1. Die Kastanienselve

Im Zuge der Bemühungen um die Aufwertung der Landschaft wurde eine Kastanienselve wieder hergerichtet. Die Maßnahmen sahen die Entfernung des Gestrüpps und die Beschneidung der Kastanienbäume am Hang unterhalb der Straße vor.
Früher gab es rund um das Dorf ein weites Gebiet, das mit Kastanienbäumen bestanden war, denn dieser Nutzbaum spielte für die Ernährung der Bevölkerung eine zentrale Rolle. Dabei war es wichtig, dass die Früchte lange aufbewahrt werden konnten. Die beste Methode dazu bestand darin, die Kastanien in den sogenannten graa (Dörröfen) während mehreren Wochen über dem Feuer zu dörren. Mitte des 19. Jh. zählte man verstreut in den verschiedenen Weilern ganze neun Dörröfen. Ein mögliches zukünftiges Projekt der Stiftung Corippo 1975 könnte der originalgetreue Wiederaufbau eines graa sein.

  1. Die Kapelle der Crosetta

Beim Hauptzugang zum Dorf steht die Kapelle mit der reichsten architektonischen Struktur und Malerei: im mittleren Teil eine Pietà, rechts der Hl. Johann der Täufer mit einem anderen unbekannten Heiligen, links der Hl. Petrus mit den Schlüsseln und der Hl. Joseph, am Gewölbe der Gottvater. Bereits 1629 urkundlich belegt, wurde die Wegkapelle mehrmals restauriert.

Gegenüber war der Sockel für die Grabsäule aufgestellt worden, die sich nun auf dem Friedhof befindet; mit etwas Mühe kann man darauf noch das eingravierte Jahr 1715 erkennen.

  1. Der Backofen

Etwas oberhalb der Straße befinden sich zwei kleine Bauten, in denen sich die Backöfen befanden; einer davon, der sich dadurch auszeichnet, dass seine Öffnung von einem Vordach geschützt wird, wurde kürzlich in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt. Die Lage dieser Gebäude spiegelt die Gewohnheit wider, alle Tätigkeiten, die mit dem Einsatz von Feuer verbunden waren, an den Rand der bewohnten Zone zu verlegen.

Bevor man den Rundgang mit der Rückkehr auf den Platz abschließt, erblickt man in der Nähe des Brunnens an einer hangseitig ausgerichteten Hausfassade ein leider sehr

schlecht erhaltenes Fresko aus den ersten Jahrzehnten des 16. Jh. oder, laut anderen Quellen, sogar aus dem 15. Jh.; es ist wohl das älteste Wandgemälde von Corippo.

Weitere ethnografische Routen zur Erkundung der Region sind auf der Website des Verzasca-Tal-Museums verfügbar.

https://www.museovalverzasca.ch/routen